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Ratgeber Bauen und Wohnen 2018

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SEITE 18 DONNERSTAG/FREITAG, 29./30. MÄRZ 2018 bauen mit fachWerk und lehm es steht ein Haus im nirgendwo „Smart Home“ ist der letzte Schrei. die vernetzung aller geräte imHaus soll die zukunft unseres Wohnens prägen. das kann man gut finden, muss esaber nicht. Jim Schütz hat sich ein „Stupid Home“ gebaut. esgibt Strom, ein telefon und ein radio. mehr nicht. VonKonrad Wegener neu ZiddorF. Eines Tages beschloss Jim Schütz, sich ein Haus zu bauen. Eines von der Stange. Und zwar wörtlich. Der Fotograf, Grafiker und Holzgestalter aus Neu Ziddorf sammelte unzählige Holzstangen von verglühten Silvesterraketen und bastelte sich ein Modell. „Könnt ihr das so bauen?“, fragte er bei Firmen im Umkreis nach und erntete ungläubiges Staunen, als habe er gerade nach der Errichtung eines zweiten Versailles gefragt. Dabei wollte er doch nur ein bescheidenes Heim: das Fundament aus Feldsteinen, die Wände aus Fachwerk und Lehm und ein Dach mit rotem Biberschwanz. Nichts Besonderes in Mecklenburg. Zumindest vor 100 oder 150 Jahren … gerade einmal 26 Jahre alt ist das Haus von Jim Schütz. aber auch das zehnfache alter würde man dem Fachwerkbau wohl abnehmen. ein guter ort zum siedeln Aber in dieser unwirklichen Zeit zwischen zwei Systemen, kurz nach dem Kollaps der DDR, war Unmögliches noch möglich. Und so fand Jim Schütz schließlich seinen Hausbauer und obendrein hilfreiche Hände aus dem Dorf, die in malerischer Lage am Teich des 15-Seelen-Ortes den ersten Neubau nach 175 Jahren wahr werden ließen. Selbst die Behörden gaben ihren Segen, stand doch der ganze Ort unter Denkmalschutz. Und tatsächlich: Der Laie würde nicht vermuten, dass es sich um einen Neubau von 1992 handelt. Man könnte sich den Fachwerkbau durchaus auch in die Gründerzeit Neu Ziddorfs denken, das 1816 nach den Befreiungskriegen gegen Frankreich von fünf Bauern aus dem Boden gestampft wurde. Dass dies schon früher ein guter Ort zum Siedeln war, zeigte sich beim Bau: „Beim Ausschachten des Kellers fandensich drei Herdgruben mit Tonscherben, die wohl aus der Zeit um Christi Geburt stammen“, erzählt Jim Schütz. Vor47Jahren verschlug es den frei(schaffend)en Künstler in die Mecklenburgische Schweiz: „Ich war im Urlaub in Neu Ziddorf und wusste, dass ich eines Tages hier wohnen werde.“ Punkt. Nachdem er in Berlin Kunsterziehung/Germanistik an der Humboldt-Universität studiert hatte, machte er sich als Fotograf und Grafiker selbstständig und zog mit seiner Familie aus der quirligen Hauptstadt in die denkbar einsamste Gegend der Republik – nach Neu Ziddorf. Vier Einwohner waren im Dorf noch übrig, und eigentlich lag der Ort schon im Sterben. Doch Jim Schütz sah die mannigfaltigen Reize dieser Gegend, die mehr wogen als das vermeintlich verlockende Großstadtleben: üppige Landschaft, Ruhe, Badeseen …–ein guter Ort zum Leben. Noch heute ist der Künstler jeden Tag mit seinem Skizzenblock in der Tasche unterwegs, um sich von den Wundern der Natur inspirieren zu lassen. Als Freischaffender genoss der Zugezogene seine Freiheit. „Reich werden konnte ich als Künstler nicht. Aber stets selbst entscheiden, was ich machen wollte.“ Mit Jim Schütz aneinem 150 Jahre alten gusseisernen ofen, der das Haus wärmt und das auge verwöhnt. einem scharfen Auge und einer guten Beobachtungsgabe gesegnet, fotografierte er unbefangen und ungekünstelt Szenen des mecklenburgischen Landlebens in schwarz-weiß. Es sind Szenen einer untergegangenen Welt und wertvolle Zeitdokumente, stehen sie doch im krassen Gegensatz zu den sorgfältig arrangierten Bilder-Mantras der DDR, die stets von übererfüllten Plänen, und stolzen „Erntekapitänen“ kündeten. Kein Wunder, dass Jim Schütz‘ Fotografien auf keine besonders große Gegenliebe bei den Offiziellen stießen. Sie waren wohl zu sehr aus dem Leben gegriffen. lehm ist der beste baustoff Das Haus, in dem Jim Schütz mit seiner Familie wohnte, wurde irgendwann zu eng. Der Künstler brauchte einen Rückzugsraum. So reifte der Plan vom eigenen Haus, der das Skizzen- und tagebuch ist Jim Schütz‘ täglicher Begleiter. mit der Wiedervereinigung auch umgesetzt werden konnte. Nach eigenen Entwürfen wurde das Haus in traditioneller Fachwerkbauweise errichtet, mit alten Biberschwänzen eingedeckt und in Leichtlehmbauweise vollendet. „Lehm ist der beste Baustoff für den Menschen“, ist sich der Neu Ziddorfer mit dem eindrucksvollen Nietzsche-Bart sicher. Kein Material nehme so viel Wasser Sogenannte abbundzeichen sind für zimmerleute wichtig. die gusseiserne tür (r.) wurde aus einem Berliner abrisshaus gerettet. eine rostige Bratpfanne dient als Hut für eine Figur (l.). FotoS (5): konrad Wegener auf und gebe es kontinuierlich wieder ab. Der verwendete Leichtlehm –eine uralte Technik –besteht aus 30 Prozent Lehm und 70 Prozent Stroh. „Die Hohlräume ergeben eine hervorragende Wärmedämmung“, weiß der Erbauer und einzige Bewohner des Hauses. Innen sind die Wände mit Lehm verputzt und mit Kaseinfarbe geweißt. Der Dachstuhl besteht aus Kiefer, Schwellen und anderes stark beanspruchtes Holz ist zumeist Eiche. Der zwei Jahre dauernde Bau kostete den heute 73-Jährigen viel Kraft. Doch: „Als ich das erste Mal hier drin geschlafen habe, ist alles von mir abgefallen.“ Zwei Räume von je etwa 25 Quadratmetern Fläche, ein kleiner Keller und kleine Nebenräume sind so entstanden. Beheizt werden sie von einem 150 Jahre alten, prächtig verzierten schinkelschen Gussofen, der eine Augenweide ist. Mit Holz gefüttert, gibt er seine behagliche Wärme nun schon über Generationen und bis heute ab. Den Sommer verbringt Jim Schütz in seinem Außenatelier nahe am Haus. Hier verwirklicht er die Ideen, die winters wachsen konnten und nun ihre Ausdrucksform suchen. Der Garten am Haus liefert derweil Kräuter, Gewürze und Salat für den leidenschaftlichen Koch im Künstler.Einen Fernseher benötigt und vermisst der Neu Ziddorfer ebenso wenig wie einen Computer oder einen Internetanschluss. Er findet Ruhe, Inspiration und Zufriedenheit an diesem Fleckchen Erde, irgendwo im Nirgendwo der Mecklenburgischen Schweiz.

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