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SEITE 12 FREITAG, 29.

SEITE 12 FREITAG, 29. SEPTEMBER 2017 ALTERNATIVE ZUM PKW Ein Leben ohne Auto Viele meinen, dass es ohne einen eigenen fahrbaren Untersatz im Nordosten nicht geht. Das stimmt nicht. Zwei Beispiele beweisen das Gegenteil. Die beiden Familien haben allerdings einen entscheidenden Vorteil auf ihrer Seite. Kathleen und Andreas Nagel leben seit drei Jahren ohne Auto. Ihre Kinder Felix (2. v. re.) und Moritz haben dafür neue Fahrräder bekommen. Von Frank Wilhelm NEUBRANDENBURG. Gisela Heidecker war schon als Kind und Jugendliche ein Bahnfan. Das Kursbuch gehörte neben den Schulbüchern zur regelmäßigen Lektüre. Kursbuch? Die Handy-Generation kann mit diesem Begriff sicher nichts mehr anfangen. In den Kursbüchern waren die Fahrpläne der Reichsbahn in der DDR beziehungsweise der Bundesbahn in Westdeutschland versammelt. Hunderte Anzeige Zugstrecken auf Hunderten Seiten Papier (!) ergaben einen Wälzer, in dem sich Gisela Heidecker auskannte. Von wichtigen Linien kannte sie die Nummern. Sie hatte Ein-, Aus- und Umsteigezeiten vieler Verbindungen auswendig parat. Kein Wunder. „Wir sind richtige Eisenbahner“, sagt die Neubrandenburgerin. Eisenbahner in vierter Generation quasi. Gisela Heidecker ist im Rheinland aufgewachsen. Anfang der 1990er Jahre zog die Chemikerin mit ihrem Mann Axel Tiemann, der bei der Landesversicherungsanstalt (LVA) arbeitete, in die Viertorestadt. Ihre Großeltern besaßen kein Auto, ihre Eltern ebenfalls nicht, obwohl der eigene fahrbare Untersatz in Wirtschaftswunder-Zeiten als Statussymbol galt. Auch ihre drei Kinder haben Gisela Heidecker und ihr Mann offensichtlich vom autolosen Leben überzeugt. Bahn, Bus und Fahrrad sind die Verkehrsmittel, auf die die Heideckers setzen. „Natürlich haben sich mein Mann und ich auch auf dem Fahrrad kennengelernt“, sagt Gisela Heidecker. Sie wirkt sportlich, ausgeglichen, sprudelt vor Lebensfreude. Liegt das am Verzicht auf den Stress im Straßenverkehr? Staus, aggressive Verkehrsgegner und permanente Unfallgefahr sorgen nicht gerade für psychisches Wohlbefinden. Gisela Heidecker nickt. Sie erinnert sich daran, wie sie früher gemeinsam mit ihren zwei kleinen Töchtern und dem Sohn in den Urlaub gefahren ist. Mit der Bahn, versteht sich. Im Zug müsse man sich nicht anschnallen, Eltern können mit ihren Kindern befreit kommunizieren, lesen, spielen, essen. Quengelnde Mädchen und Jungen auf dem Rücksitz, denen die gestressten Eltern bei Tempo 130 ausgeliefert sind? Fehlanzeige im Zug. „Man kommt auf jeden Fall stressfreier an“, sagt Gisela Heidecker. Stressfrei wirkt auch Familie Nagel aus dem Neubrandenburger Vogelviertel. Kathleen (32) und Andreas Nagel (36) sitzen zusammen mit ihren Kindern Felix (5) und Moritz (8) um den Küchentisch in ihrer neuen, freundlichen Eigentumswohnung. Feierabend. Ihre Wege zur Arbeit, Schule und Kita haben die vier zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt. Wie jeden Tag. Ein Auto besitzen die Nagels nicht. Andreas Nagel denkt zurück an den Wagen, den die Familie bis vor drei Jahren besaß. Für 10 000 Euro hatten sie den Gebrauchtwagen erworben, mit einer „super Ausstattung“, sagt Nagel etwas wehmütig. Moritz war gerade geboren. Da schien ein Familienauto unverzichtbar. Doch Ende 2014 machte der Motor schlapp. Die Reparaturkosten hätten den Restwert überschritten. Zur gleichen Zeit hatte die junge Familie ihr Immobilien- Projekt angeschoben. Geld für ein neues Fahrzeug war nicht vorhanden. Seinerzeit hat Kathleen Nagel eine Reportage im Fernsehen gesehen, in der es um das Thema „Leben ohne Auto“ ging. Der Beitrag bestärkte sie in der Entscheidung, es mal ohne Auto zu versuchen. Die Redakteure hatten eine bemerkenswerte Rechnung aufgemacht: Ein Autobesitzer, der ab dem 18. Lebensjahr bis ins Rentenalter einen eigenen Wagen unterhält, zahlt über die Jahre weit mehr als 100 000 Euro. Anschaffungskosten, Reparaturen, Versicherung, Steuern, Benzin – da kommt einiges zusammen. Genau hat Kathleen Nagel das für ihre Familie nicht ausgerechnet. Sie geht aber von rund 3000 Euro pro Jahr aus, wenn die Anschaffungskosten auf die Jahre verteilt werden. Den Alltag ohne Auto meistern und dabei sparen Familie Nagel weiß, dass sie es der städtischen Struktur Neubrandenburgs und den kurzen Wegen zu verdanken hat, dass der Alltag auch ohne Auto zu bewältigen ist. Kita und Schule liegen um die Ecke, genauso wie die Räume von Kathleen Nagel, die als Tagesmutter arbeitet. Andreas Nagel fährt täglich einige wenige Kilometer mit dem Fahrrad zum Büro. Und der klassische, große Wochenendeinkauf für die vierköpfige Familie? Den habe man früher tatsächlich wie viele andere auch mit dem Auto erledigt, sagt Kathleen Nagel. Jetzt kauft sie abends auf dem Heimweg im nahe gelegenen Supermarkt ein. „Ich kaufe zielgerichteter. Wir werfen weniger Lebensmittel weg“, sagt sie. Gisela Heidecker ist sich bewusst, dass es in den Dörfern im Nordosten, die abseits der Verkehrsachsen liegen, schwer ist, ohne Auto über die Runden zu kommen. Sie und ihr Mann, beide Musikliebhaber, spüren das am eigenen Leib, wenn sie am Wochenende zu einem Ausflug aufs Land starten wollen – beispielsweise zu einem Konzert der Festspiele MV. „Viele Konzertorte liegen so, dass man nach dem Konzert abends den nächsten Bahnhof radelnd nicht mehr erreicht, um den letzten Zug nach Hause zu erwischen“, sagt sie. Selten gebe es Shuttle-Angebote für nicht motorisierte Besucher zum nächsten Bahnhof. „Auch der Theaterbus nach Neustrelitz wurde vor Längerem bedauerlicherweise eingestellt“, sagt Gisela Heidecker. Trotzdem: Sie und ihr Mann werden auch in Zukunft auf den eigenen Wagen verzichten. Wenn Kathleen und Andreas Nagel doch mal ein Auto benötigen, helfen die Eltern oder aber die Nachbarn aus. Sie nutzen das familiäre Carsharing für den Urlaub oder aber einen Wochenendausflug. „Theoretisch könnten wir auf sechs Autos zurückgreifen“, sagt Andreas Nagel. Irgendwann möchte er allerdings doch mal wieder einen eigenen Wagen haben, auch wenn es das eigentlich nicht bräuchte, meint seine Frau Kathleen: „Wenn es dann aber doch sein soll, würde ich gerne ein Elektroauto haben.“ Kontakt zum Autor f.wilhelm@nordkurier.de Gisela Heidecker setzt auch aufs Klappfahrrad. Das gilt im Zug als Gepäck und ist am Reiseziel in Sekunden fahrbereit. FOTOS (2): F. WILHELM

FREITAG, 29. SEPTEMBER 2017 SEITE 13 Flaute in der Provinz: Von Dorf zu Dorf verkehren Landbusse fast ausschließlich nur noch wegen der Schulkinder. FOTO: BERND WÜSTNECK Der Törpiner Bürgerbus bringt Menschen aus kleinen Dörfern im Demminer Umland zum Einkauf oder zum Arzt. FOTO: D. KLEINDIENST Neben den Fahrgästen transportiert Ralf Klug (links) Briefe, Pakete und Lebensmittel in seinem Bus durch die Uckermark. FOTO: P. PLEUL Mutige Konzepte für Bus und Bahn Von Frank Wilhelm Sinkende Einwohnerzahlen auf den Dörfern, weniger Fahrgäste im Bus, Streichen von Linien – das scheint eine Negativspirale zu sein, die in ländlichen Regionen nicht zu stoppen ist. Wirklich nicht? NEUBRANDENBURG/TEMPLIN. Die Fahrpläne in vielen Dörfern sehen traurig aus. Oft sind nur zwei Busverbindungen aufgelistet: Der eine Bus fährt die Kinder morgens in den nächst größeren Ort. Der andere fährt sie am Nachmittag wieder zurück. Den restlichen Tag über herrscht oft Flaute beim Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in der Provinz. Nichts fährt mehr. In den Ferien pausiert der Bus oft komplett. Selbst in einer Kleinstadt wie Templin hatte es Mitte der 1990er Jahre mächtig gekriselt beim Stadtbusverkehr. „Der ÖPNV stand stark infrage, da es immer weniger Fahrgäste gab“, sagt Steffi Pohlan, Sprecherin der Uckermärkischen Verkehrsgesellschaft (UVG). Templins Stadtväter entschieden sich für eine ÖPNV-Revolution: Kostenlose Stadtbusse für Einheimische und Touristen. Die Nutzerzahlen stiegen rasant. In Hochzeiten wurden mehr als 600000 Fahrgäste pro Jahr registriert. Allerdings, so erinnert Bürgermeister Detlef Tabbert (Linke), hätten die Busse oft „fahrenden Klassenzimmern“ geglichen. Umsonst ist eben nicht immer auch gut. Seit 2003 ist eine Kurkarte erforderlich, um den Stadtbus „fahrscheinfrei“ zu nutzen. Preis der Jahres- Karte: 44 Euro. Ein „tolles Projekt“, sagt Tabbert. Die Stadt zahlt zwar einen jährlichen Zuschuss von 130000 Euro an die UVG. Doch die Vorteile würden den finanziellen Aufwand aufwiegen: Die Templiner Stadtbusse fahren alle 20 Minuten. Die Attraktivität der Stadt wird gesteigert, nicht zuletzt dank einer besseren Luftqualität. Der Individualverkehr wird reduziert, sodass die Straßen ruhiger und sicherer werden. Langfristig spare die Gemeindekasse auch beim Straßenausbau, weil es weniger Verkehr gebe, sagt Tabbert. Solche ÖPNV-Revolutionen blieben in MV bislang aus. Im Gegenteil: In der Regel stiegen die Ticketpreise über die Jahre. Selbst in Neubrandenburg werden Buslinien regelmäßig ausgedünnt. Wie die Templiner versuchen nun auch Touristiker rund um die Müritz, dem Negativtrend im ÖPNV etwas entgegenzusetzen. Im August startete probehalber für einen Monat das Projekt „Müritz rundum“. Mit einer gültigen Kurkarte konnte man ohne Fahrschein mehrere Linien im Warener Stadtverkehr sowie der dat-Busse nutzen. In der kommenden Saison soll die Kurkarte „Müritz rundum“ in die Praxis überführt werden – für dat-Linien und die Nationalparklinie. Wie das Beispiel Templin zeigt, müssen die Kommunen wohl oder übel mehr Geld in die Hand nehmen, um attraktive ÖPNV-Angebote aufzubauen. Dass die Taschen der öffentlichen Hand aber oft zugenäht sind, musste das Vorzeigeprojekt „Bürgerbus“ des Vereins Törpiner Forum erfahren. Der Transporter hat seit Jahren Menschen aus kleinen Dörfern im Demminer Umland auf Bestellung zum Einkaufen oder zum Arzt gefahren. 2016 gab der 20 Jahre alte Transporter seinen Geist auf. Händeringend war der Verein auf der Suche nach öffentlicher Förderung oder Spenden. Fehlanzeige! Letztlich ging es um 4000 Euro, die zusammengekratzt wurden, damit ein neuer gebrauchter Bürgerbus angeschafft werden konnte. Um den Fahrgastschwund bei den Landbussen zu stoppen, sind Ideen gefragt. Die UVG betreibt seit einigen Jahren einen Kombi-Bus. Die Busse nehmen neben Menschen auch Pakete, Briefe und Lieferungen für Lebensmittelgeschäfte mit. Der in Schwedt gekaufte Riesen-Fernseher werde nach Absprache beispielsweise bis vor die Haustür gefahren, sagt die UVG- Sprecherin. Seit gut einem Jahr sind die Busse auch als mobile Briefkästen unterwegs. In 15 Bussen können Briefe der Nordkurier-Post eingeworfen werden. An den Busbahnhöfen in Prenzlau und Templin gibt‘s die passenden Brief- und Paketmarken. Das Ergebnis solcher Aktivitäten: Zufriedene Kooperationspartner und stabile Fahrgastzahlen. Kontakt zum Autor f.wilhelm@nordkurier.de Anzeige

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